„Nein, nein, nein!“
29. Februar 2016
Offener Brief
22. März 2016
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Lispeln als Charakteristikum

Die aktuellen Unruhen, Kriege und Flüchtlingsströme beschäftigen mich in letzter Zeit oft. Vor kurzem vertiefte ich mich online in Artikel und stiess auf eine Rede des UNO-Gesandten für Syrien, Staffan de Mistura. Ich blieb buchstäblich an dessen Mund hängen. Zum einen berührte mich de Misturas eindringliche Forderung zur Beendigung des sinnlosen Krieges in Syrien, zum anderen stutzte ich ob der Sprechweise dieses Politikers. Nicht, dass ich den Mann nicht verstanden hätte! Im Gegenteil: er spricht in bedachtem und deutlich formuliertem Englisch, dabei aber lispelt er so stark, dass dies wohl nicht einmal Laien entgeht. Zuweilen gerät während des Sprechens die Zungenspitze des Diplomaten sichtbar zwischen die Schneidezähne. Und das will doch etwas heissen!

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https://de.wikipedia.org/wiki/Staffan_de_Mistura#/media/File:Staffan_de_Mistura_September_2015_(21108901363).jpg

Denken Sie nun bitte nicht, ich mache mich über de Misturas Aussprache lustig! Das liegt mir fern. Ich bewundere ihn, dass er sich trotz auffälliger Aussprache berufsbedingt täglich exponiert. Die wohl überlegten Inhalte seiner Aussagen, das wiederkehrende „it`s enough“ lassen diesen unsauber gesprochenen S-Laut gänzlich bedeutungslos werden.
Über meiner virtuellen Konfrontation mit Herrn de Misturas Aussprache geriet ich ins Grübeln über logopädische Zielsetzungen und stellte mir folgende Fragen:

  • Wie oft macht eine Weiterführung der Artikulationstherapie Sinn?
  • Wäre dem Betroffenen nicht eher geholfen, würde er in der Stärkung seines Selbstwertgefühls und der Akzeptanz unterstützt?
  • Könnte ein Redetraining unter Einbezug der fehlerhaften Aussprache vielleicht sinnvoller und lösungsorientierter sein als erzwungene Zungenakrobatik und krampfhafte Transferübungen?
  • Wie stark ist seine Verständlichkeit beeinträchtigt?
  • Besteht ein Leidensdruck seitens des Kindes?
  • Will der Betroffene tatsächlich etwas an seiner Aussprache verändern?
  • Was erwartet das Umfeld vom Betroffenen und was die Gesellschaft?
  • Welchen Einfluss hat die Sprechweise des Betroffenen auf seine beruflichen Aussichten?

All diesen Fragen nachzugehen, sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Aber wagt man sich, über den eigenen Tellerrand hinauszuspähen, werden oft vielerlei Prioritätensetzungen infrage gestellt. Und das tut gut!

Esther Hunziker

Links:

Infos über Lispeln

Rede


Source: DLF Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband