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Eine andere Sicht auf die Welt der Buchstaben

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Ein kurzer Einblick in ein spannendes Buch* mit ungewöhnlichen Gedanken. Eine Auseinandersetzung, die sich lohnt.

Der Autor Marshall McLuhan beschäftigte sich mit den Auswirkungen von Medien auf die Menschheit. Als Medien bezeichnete er z.B. Sprache, Schrift, Kleidung, Buchdruck, Fotografie, Radio, Fernsehen, Computer und erachtete die Art der Medien als Beeinflussung der Menschen wichtiger als der Inhalt, da er die Medien als Ausweitung des eigenen Körpers sah. So sei das Rad die Ausweitung des Fusses, die Kleidung die Ausweitung der Haut, das phonetische Alphabet die Ausweitung des Auges und die Elektronik die Ausweitung des Zentralnervensystems.

Um die Essenz vorweg zu nehmen: Kein anderes Medium habe eine so immense Auswirkung gehabt wie die phonetische Schrift. Vor der phonetischen Schrift haben die Menschen in einer Welt gelebt, in der die Sinne ausbalanciert waren. Das Medium der Sprache liess alle Menschen etwa gleich viel wissen. Der Austausch fand direkt statt, in konkreten Lebenssituationen. Man spürte, sah, hörte, fühlte und gab sich ganzheitlich im Moment zum Ausdruck.

Die phonetische Schrift beförderte den visuellen Sinn an erste Stelle. „Das Alphabet trieb den Menschen aus der Stammesgesellschaft hinaus, gab ihm ein Auge für ein Ohr und ersetzte sein ganzheitliches, intensives Zusammenleben in der Gemeinschaft durch visuelle, lineare Werte und ein fragmentiertes Bewusstsein….Das Alphabet zertrümmerte den Zauberkreis und die mitschwingende Magie der Stammeswelt und verwandelte die Menschen in einer Explosion zu einem Haufen spezialisierter und psychisch verarmter „Individuen“ oder zu Funktionseinheiten in einer Welt der linearen Zeit…“

Marshall McLuhan beschreibt im Buch weiter, warum der Buchdruck durch Gutenberg die Industrialisierung einläutete, dass die Elektronik den Menschen eher wieder ganzheitlich sein lässt und er erklärt den Umgang des zivilisierten Menschen mit Sexualität und Rassismus.

Er schildert warum das aktuelle Schulsystem mit linearen und einseitig analytischen Lernvorgängen – auf der phonetischen Schrift basierend – den Bedürfnissen der Kinder hinterher hinkt und der Menschheit keinen Gefallen tut.

Ula Trinkler

* Baltes, Martin/Höltschi, Rainer (Hrsg.): absolute Marshall McLuhan, Originaltexte, Biografie, Interview, Freiburg: orange press 2011, ISBN 978-3-936086-55-3, ca. CHF 25.-

 

Quelle: DLF Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband http://www.logopaedie.ch/blog/