Was hat das Rad mit Buchstaben zu tun?
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Zum zweiten Mal innerhalb von 48 Stunden standen wir um Mitternacht vor Marias Wohnung in Lissabon und konnten nicht hinein. Das durfte nicht wahr sein! Wir hatten den Schlüssel, wir sahen wie Maria die Tür mit eben diesem Schlüssel aufgeschlossen hatte und demonstrierte, dass er sehr wohl passte; aber wir schafften es erneut nicht. Es war zum Verzweifeln! Wir waren müde und wollten nur noch ins Bett. Wir beruhigten uns gegenseitig, wir sprachen uns gut zu, wir löschten das Licht im Treppenhaus und versuchten es im Dunkeln, wir gingen nochmals zur Eingangstüre und starteten als ob nichts wäre, waren guten Mutes – aber es ging nicht! Die Türe blieb verschlossen und wir vor der Wohnung; hilflos, fragend, verärgert, nichts verstehend…

So geht es uns manchmal in der Logopädie. Wir stehen da, sehen den Klienten vor uns, die Diagnose steht, das therapeutische Konzept ist bekannt und doch finden wir nicht ins Ziel. Wir haben quasi den richtigen Schlüssel noch nicht gefunden. Es kommt aber auch vor, dass die Lösung ganz einfach ist. Man muss nur den Schlüssel richtig anwenden. So ging es mir letzthin mit einem Jungen, der wegen anhaltendem Speicheln zu mir geschickt worden ist. Alle störten sich daran, dass er als Vierjähriger noch immer eine Windel um den Hals trug, die nass und unappetitlich aussah. Ich beriet die Mutter, und gab drei häusliche Inputs. Als wir uns das nächste Mal trafen, war alles im Lot: der Speichel wurde geschluckt. Mutter und Kind hatten durch die Abklärung und Beratung den richtigen Schlüssel gefunden, indem der Bub nach ein paar Tagen zum Besten gab:“ Ich wusste bisher nicht, dass man die Spucke schlucken muss!“

Genau so einfach war das Schlüsselrätsel in Lissabon zu lösen: portugiesische Schlüssel kann man nämlich verlängern. So passt der Bart ins Schloss und die Türe springt auf. Ende der Therapie und der Geschichte.

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Sibylle Wyss-Oeri

 

Quelle: DLF Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband http://www.logopaedie.ch/blog/