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Vor Jahren räumten wir Stadt Berner Logopädinnen die Schränke in den Schulen auf. Alle brachten ihre unbenutzten Materialien und legten sie auf den Tisch. Man konnte sich bedienen; alles ging in neue Hände über, aber niemand wollte diese unattraktive Plastiktasche mit einem altmodischen Gerät und 5 Aufsätzen darin.

Foto Logophon_Sibylle Wyss.jpg

Dieses Logophon hatte einen überaus schweren Stecker, wog selber an die 300g und wirkte unförmig, ohne Design und Geschmack. Angeblich war es für die Stimulation der Zunge gedacht. In der Tasche mit grasgrünem, bröselndem Schaumgummifutter fand sich noch eine maschinengeschriebene Rechnung von 1974.

Ich nahm dieses Gerät an mich und bewahrte es vor dem Schrottplatz.

Seit damals vibriert, klopft tätschelt, surrt und massiert dieser Dinosaurier im Mund meiner Klienten. Kein neuartiges Gerät vom Markt kommt an diese Qualität der Schwingungen heran. Auch läuft es Tag für Tag, wohingegen die billigen Massagegeräte immer wieder mal kaputt gehen.

Am besten eignet sich das Logophon für die Anbahnung des rollenden R-Lautes. Dieser Laut verlangt von der Zunge eine Hebung an den oberen Gaumen, hinter den Schaufeln und ohne Zahnkontakt. Die Zunge mit ihren 7 Muskeln muss in einer ausgewogenen Balance zwischen An- und Entspannung schwingen. Neben den Zischlauten S, Z, X und SCH ist auch der R-Laut in Bezug auf seine artikulatorische Realisierung ein schwieriger Laut und darum fehlt er oft bin ins Kindergarten- oder sogar ins Schulalter. Oft wird der R-Laut in den Wörtern

ausgelassen Bää = Bär

durch j ersetzt Bjücke = Brücke oder

durch l ersetzt Lad = Rad.

Durch orale Habits wie Schnullern oder Daumenlutschen werden oft genau die Zungen-Muskeln geschwächt, die sich für den R-Laut heben und schnell vibrieren sollten. Eltern und Kind kläre ich über diese Zusammenhänge auf. Daneben kommt das Logophon zum Einsatz, das ich liebevoll „Dinosaurier in meinem Gerätepark“ nenne.  Bitte Mund auf, Zunge an den Punkt hinter die Schaufeln, locker Stimme geben und „es“ passieren lassen. Aus der Resonanzhöhle grollt der Dinosaurier zum ersten Mal mit einem isolierten, langen RRRRRR. Die Freude aller ist jeweils gross; ebenso die Verblüffung, dass ein altes Gerät ohne einen Hauch Design solche logopädischen Wunder und Premieren vollbringt. Es lebe die Nachhaltigkeit vom Kreidezeitalter meines Dinosauriers bis heute!

Sibylle Wyss-Oeri

 

Quelle: DLF Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband http://www.logopaedie.ch/blog/