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Geduld ist wohl die wichtigste Voraussetzung
für eine Logopädin. Die eigenen Ansprüche, die Erwartungen der Eltern und der
Leidensdruck des Kindes erhöhen den Druck: Wir wollen zu oft zu viel auf einmal.

Da war zum Beispiel Monica: Monica ist noch keine 3 Jahre alt, als sie das
erste Mal zu mir kommt. Sie spielt noch völlig funktional, räumt aus, türmt
Klötze aufeinander, macht Filzstifte auf und zu. Dabei spricht sie keinen Ton,
schaut mich nicht an.

Die Eltern sind sehr
besorgt, ob mit Monica etwas nicht stimmt. Zu Hause schreit sie höchstens, wenn
sie etwas haben möchte, oder wenn ihr etwas nicht passt. Sie macht nur ganz
selten ein „Miau“ einer Katze oder ein „Muh“ einer Kuh nach. In die Spielgruppe geht sie ungern und nimmt dort mit
niemandem Kontakt auf.

Als sie in der „Logo-Handtasche“ einmal
zufällig die Lippenpomade entdeckt, setzt sie sich hin, öffnet den Stift,
schmiert sich ihre Lippen an, schliesst den Deckel, öffnet ihn wieder und
schmiert sich erneut die Lippen an. Immer und immer wieder. Mir bleibt nichts
anderes als Geduld zu wahren und ihr Tun zu kommentieren. Hier bemerke ich aber
den ersten Schritt zur Sprache: Monica nimmt Blickkontakt mit mir auf!

Als ich ihr mal
Hörnli, mal Linsen, mal Sand zum Spielen gebe, kann sie sich damit ebenso lange
beschäftigen, leert um, leert aus, leert ein, ich kommentiere weiter ihr Tun.
Meine Interventionen nimmt sie nur auf, wenn sie handlungsorientiert, aber
nicht sprachlich sind.

Die Eltern werden bereits ungeduldig, sie
sehen keinen Fortschritt. Ich muss sie immer wieder beruhigen.

Nach wochenlangem
Füllen, Umleeren, Öffnen/Schliessen, Kneten, Backen usw. nimmt sie endlich
meine Handpuppe Lilly an: Lilly darf sich „einmischen“. Bis zu diesem Tag hat
sie sie immer ignoriert. Und plötzlich – es sind bereits über 2 Monate
vergangen – fängt Monica an mit Lilly zu plaudern! Sie gibt ihr Gegenstände,
verlangt sie verbal (!) zurück, füttert Lilly, zieht sie plaudernd aus und an.

Nun beginnt es nur so
aus Monica zu sprudeln! Das Mädchen zeigt einen erstaunlichen Wortschatz, sie
benennt Tiere, Haushaltsgegenstände, Kleidungsstücke, Spielsachen. Sie spielt
ganz plötzlich Symbolspiele und übernimmt Rollen.

Natürlich gibt es
phonologisch und in der Satzentwicklung noch viel zu tun, aber die Freude von Monica
steckt die Eltern und mich an, und wir spüren alle:

Die Geduld hat sich gelohnt!

Cristine Koller-Imhof


Source: DLF Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband